THAU Elektra -Rezension von Udo Langner

THAU – Elektra
Im Zusammenhang mit elektronischer Musik wird oft die „Berliner Schule“ und der „Düsseldorfer Style“ erwähnt, galten diese beiden Städte neben München doch als Ursprung der elektronischen Musik schlecht hin.

2015 ELEKTRA A

Und so verwundert es nicht, dass in der über vierzig jährigen Entwicklung dieser Musik immer wieder Bezug auf die wohl bekannten Muster und Strukturen genommen wird.

Für viele völlig unbekannt, werkelte aber bereits Ende der 60er Jahre Bernd Michael Land an seinen Synthesizern, während ein viel zitierter Klaus Schulze noch den „Drumsticks“ verschrieben war.

Nach dieser ersten elektronischen Phase unterlag auch er erst einmal dem Trend des „Krautrocks“, um später wieder der Faszination der „elektronischen“ Klänge zu unterliegen.

Bernd-Michael liebt Klänge und deren emotionale Wirkung, weshalb er sich selber mehr als Klangkünstler und Sounddesigner versteht.
Die frühe elektronische Musik und der damit verbundene Trend zu Improvisationen war und ist für ihn nicht alleiniger Ausdruck des Genius der Künstler dieser Zeit, sondern vielmehr den technischen Beschränkungen der damaligen Instrumente geschuldet.
Neugierde und Vielseitigkeit prägten den weiteren Weg von Bernd Michael, dessen Discographie Seiten füllen könnte. Neben unzähligen Kompositionen für Film- und TV-Produktionen gesellten sich Projekte aller möglichen Stilrichtungen, bis hin zu Techno für die Frankfurter Szene und dem auch in der Elektronikszene wohl bekannten „Aliens Project“.
Klangexperimente mit Multikanalsystemen führen Bernds Klänge auch bei Liveauftritten in neue Dimensionen.

Doch das ist nur der eine Teil von THAU.
Frank Tischer, Komponist, Pianist, Keyboarder und Sänger ist Vollblut-Profi-Musiker mit klassischer Klavierausbildung. Frank verfügt über eine eindrucksvolle Vita, er arbeitete u. a. mit Miller Anderson Band, Spencer Davis Group, Richie Blackmore, Hamburg Blues Band, Helge Schneider, Andi Y, Sascha, Bobbin‘ B, Chris Farlowe, Pete York, Richie Havens, Champion Jack Dupree, um nur einige zu nennen, was seine Vielseitigkeit unterstreicht.

Bereits legendär sind seine Galaxos-Konzerte mit Synthesizer und Piano im Radom auf der Wasserkuppe, einer ehemaligen Radarkuppel auf dem höchsten Berg Hessens.

Bei dem gemeinsamen Projekt THAU improvisiert Tischer virtuos auf dem Piano und spielt seine Soli auf verschiedenen Synthesizern. Dort, wo es technisch möglich ist, wird sogar ein echter Konzertflügel eingesetzt, microfoniert und über Effekte wiedergegeben.

Land steuert seine lebendigen Atmos, Pads und Sequenzerlines bei und spielt das Continuum Fingerboard dazu.

Nachdem ich via „youtube“ erstmals das Video „The Timekeeper“ von THAU gesehen hatte, lies mich die Musik nicht mehr los. Schnell fand ich heraus, dass der Song dem neuen Album „Elektra“ von THAU entstammte und somit musste ich das Album haben.

THAU öffnet neue musikalische Türen ohne die dahinter liegende Tradition dieses Genres zu verleugnen oder zu zerstören. Frank Tischer selber sagte in Interviews, dass man „Berliner Schule“ mit neuen Stilelementen und technischen Möglichkeiten fortsetzen wollte. Dies ist meiner Meinung nach aber zu bescheiden und flach ausgedrückt. Denn THAU ist nämlich nicht eines der vielen „Berliner Schule Retroprojekte“, wie sie in den letzten Jahren immer häufiger auftauchen. Keinesfalls möchte ich „Elektra“ in irgendeine der immer so schnell gezückten „Schubladen“ pressen., dies würde der Musik nicht gerecht.

Elektra ist eher eine fantastische emotionale Erfahrung für den Musikliebhaber, welcher bereit ist sich fallen zu lassen und der Musik hinzugeben. Klangmalereien von unfassbarer zeitloser Schönheit, wechseln sich ab mit pulsierenden Sequenzen ab und bilden ein Klangbad, dem man sich gerne hingibt. Die Reise führt dabei durch 8 ausdrucksstarke und emotional feinfühlige Musikstücke, welche an keiner Stelle das Bedürfnis aufkommen lassen, auch nur einen Titel zu „skippen“ oder nur oberflächlich hinzuhören. Einmal in den Klängen gefangen, lässt einen die Musik nicht mehr los.

Das sämtliche Stücke im Rahmen von Studio-Sessions live eingespielt worden sind, mag für den Hörer erst einmal unwichtig erscheinen. Allerdings fördert diese Produktionsweise den authentischen Eindruck der Musik – bei Land / Tischer sitzt man also als Hörer in der ersten Reihe.

An dieser Stelle möchte ich bewusst auf eine Beschreibung a la „da perlt die Sequenz wie bei…“ oder „ das Solo erinnert an“ verzichten. Bernd und Frank liefern hier ein wunderbares Werk ab, welches nur als völlig eigenständig umschrieben werden kann. Der Spannungsbogen des Albums sowie der einzelnen Stücke fesselt den Hörer gespannt an die Musik, welche in keine Schublade passt – außer der mit guter Musik.

So schafft es „Elektra“ in meine persönlichen Top Ten meiner Lieblingsalben, womit dem Werk von Bernd Michael Land und Frank Tischer wohl das Schicksal der meisten Alben in Plattensammlungen erspart bleibt, nämlich dem, nach dem ersten Hören für Jahre ins Regal zu verschwinden. Letztendlich kann ich dieses Meisterwerk jedem Musikliebhaber wärmstens empfehlen – auch denen, welche die „Berliner Schule“ favorisieren.

Dass sich Bernd Michael nicht nur den Klängen, sondern auch dem Klang verschrieben hat, bemerkt der anspruchsvolle Konsument sofort. Mich als High Ender konnte das Album auch in klanglicher Hinsicht überzeugen.

Mein Dank gilt Bernd Michael Land, welcher geduldig meine neugierigen Fragen Rede und Antwort stand und zusammen mit Frank Tischer mein musikalisches Leben bereichert hat.
Udo Langner

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www.thau-music.com Homepage von THAU
www.frank-tischer.de Homepage von Frank Tischer
www.bernd-michael-land.com Homepage von Bernd-Michael Land

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